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ROUNDUP 2: Merck trotzt zu Jahresbeginn Corona - wird aber vorsichtiger für 2020

(neu: Aussagen aus der Telefonkonferenz, Aktienkurs aktualisiert, weiterer Hintergrund.)

DARMSTADT (dpa-AFX) - Der Pharma- und Chemiekonzern Merck KGaA hat der Corona-Krise zum Jahresauftakt getrotzt, wird aber wegen der Pandemie vorsichtiger. Die Darmstädter konnten im ersten Quartal Umsatz und Ergebnisse kräftig steigern - auch dank der Milliarden-Übernahme des US-Halbleiterzuliefers Versum im vergangenen Herbst. Trotz der erlebten Trendwende bei den Halbleitermaterialien muss sich Merck aber von der für dieses Jahr angepeilten Erholung im Spezialchemiegeschäft verabschieden. An der Börse rutschte die Merck-Aktie bis zum Mittag um gut ein Prozent ab.

Getragen von guten Geschäften mit Arzneien und Laborbedarf kletterte der Umsatz im ersten Quartal im Vorjahresvergleich um 16,7 Prozent auf 4,4 Milliarden Euro, wie der Dax -Konzern am Donnerstag in Darmstadt mitteilte. Die Chemie-Sparte schwächelte aber teils weiter. Von Januar bis März stieg der bereinigte Betriebsgewinn (Ebitda) um 27 Prozent auf knapp 1,2 Milliarden Euro. Mit beiden Kennziffern übertraf der Konzern die Erwartungen der Analysten. Unterm Strich blieb ein Gewinn von 458 Millionen Euro, vor einem Jahr waren es 190 Millionen Euro gewesen.

"Das gute Geschäftsergebnis im ersten Quartal zeigt, dass wir die Krise bisher erfolgreich gemeistert haben", sagte Merck-Vorstandschef Stefan Oschmann während einer Telefonkonferenz mit Journalisten. Merck sei mit seinem breiten Geschäftsmodell in unsicheren Zeiten gut aufgestellt. Der Konzern habe in seiner mehr als 350-jährigen Geschichte schon viele Krisen gemeistert und schaue zuversichtlich nach vorne. Bei Merck gebe es keine Kurzarbeit und man habe auch keine beantragt, so Oschmann.

Im laufenden Geschäftsjahr dürfte die Pandemie Merck aber stärker treffen. "Nicht jedes Quartal dürfte so gut aussehen wie das erste", sagte Oschmann. Das Management geht nun von einer "erheblichen Belastung des weltweiten wirtschaftlichen Wachstums" aus, die alle Konzernbereiche treffe. Anfang März hatte sich Merck noch vorsichtig optimistisch gezeigt, damals war Corona aber noch eher ein regionales Problem in China und Asien gewesen.

Nun geht der Konzern davon aus, dass in Europa und den USA, wo Merck mehr als Hälfte seiner Erlöse erzielt, die Pandemie erst im laufenden zweiten Quartal den Höhepunkt erreicht und sich die Lage bis Ende September normalisieren wird. Eine zweite größere Corona-Welle berücksichtige das Management in der Prognose nicht.

Für den Umsatz im Gesamtjahr rechnet die Konzernführung nun mit einem leichten bis moderaten Anstieg aus eigener Kraft auf 16,8 bis 17,8 Milliarden Euro, das heißt Zu- und Verkäufe sowie Wechselkurseffekte sind ausgeklammert. Im Vergleich zu den 16,15 Milliarden Euro im Vorjahr wäre das ein Plus von maximal rund zehn Prozent. Für das bereinigte operative Ergebnis (Ebitda) wird anstatt des zuvor angepeilten "starken" organischen Wachstums eine stabile Entwicklung erwartet. Als Zielkorridor nennt Merck 4,35 und 4,85 Milliarden Euro, nach rund 4,4 Milliarden Euro vor einem Jahr - ein Rückgang wäre also nicht ausgeschlossen.

Zum Jahresauftakt hatte die Pandemie Merck schon sehr unterschiedlich betroffen. So trübte sich das Geschäft mit Fruchtbarkeitsbehandlungen ein, da entsprechende Spezialkliniken geschlossen blieben. Weil Kunden ihre Lager auf Vorrat aufstockten, profitierte Merck hingegen im Geschäft mit Arzneien etwa gegen Diabetes und Schilddrüsenerkrankungen sowie allgemeinmedizinischen Produkten. Auch die Nachfrage nach der Multiple-Sklerose-Tablette Mavenclad wuchs im Vorjahresvergleich kräftig.

Den Umsatz mit Laborausrüstung konnte Merck kräftig steigern, Schub kam vor allem weiterhin aus dem Geschäft mit Dienstleistungen und Produkten rund um die Arzneimittelherstellung. Im Geschäft etwa mit akademischen Kunden aber wirkte sich die Pandemie negativ aus - etwa wegen des Shutdowns in Asien und da Forschungseinrichtungen geschlossen blieben.

Bei den Spezialmaterialien litt Merck wegen der Corona-Krise unter einer sinkenden Nachfrage nach Pigmenten etwa für Autolacke und die Kosmetikindustrie, sowie prozentual zweistelligen Umsatzeinbußen im Geschäft mit Displaymaterialien. Letztere stehen bei Merck ohnehin wegen der seit geraumer Zeit wegen zunehmender Konkurrenz problematischen Geschäfte mit Flüssigkristallen unter Druck. Der Konzern richtet die Sparte deshalb zunehmend auf das Halbleitergeschäft aus, und rechnet sich mit dem Trend zur vernetzten Industrie und immer leistungsfähigeren Prozessoren gute Chancen aus.

Dazu wurde neben Versum im Jahr 2019 auch der kalifornische Materialspezialist Intermolecular übernommen. Aber auch ohne die beiden Zukäufe legten die Halbleitermaterialien im ersten Quartal klar zu, Oschmann sprach hier von einer Trendwende. Die verstärkte Nutzung digitaler Kanäle während der Pandemie sieht der Merck-Lenker als Bestätigung seiner Strategie: "Wir haben rechtzeitig auf den richtigen Megatrend gesetzt." Das ursprünglich für die gesamte Sparte angepeilte Wachstum in diesem Jahr bleibt wegen Corona aber aus: Merck rechnet für den Bereich nun mit teils deutlichen Rückgängen bei Umsatz und bereinigtem operativem Ergebnis./tav/als/kro/stk


Quelle: dpa-AFX

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