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VARTA IM FOKUS: Der Boom der Knopfzelle - Probleme nun vom Tisch?

ELLWANGEN (dpa-AFX) - Der Batteriehersteller Varta hat nach seinem sehr schwachen Start ins Jahr am Aktienmarkt eine fulminanten Erholung hingelegt. Die Geschäfte brummen und die Patentstreitigkeiten mit Samsung wurden beilegt. Wie es bei dem Unternehmen aussieht, was die Analysten sagen und wie sich die Aktie entwickelt.


DAS IST LOS BEI VARTA:

Für Varta kam die erste große Schockwelle aus China bereits Anfang Januar, da sah man sich in Sachen Corona hierzulande noch weitgehend auf der sicheren Seite. Stattdessen erschütterten Varta mutmaßliche Patentverstöße chinesischer Wettbewerber bei den für das Unternehmen wichtigen wiederaufladbaren Lithium-Ionen-Batteriezellen für Kopfhörer. Varta hatte seinem Großkunden Samsung wegen des Kaufs solcher Nachahmerprodukte Patentverletzungen vorgeworfen. Das Unternehmen einigte sich mittlerweile mit den Koreanern, alle gegenseitigen Klagen zurückzuziehen und baute die Zusammenarbeit stattdessen aus: Die Ellwangener bleiben demnach in den nächsten Jahren der Hauptlieferant für wiederaufladbare Headset-Batterien für Samsung.

Wie die Mitte August veröffentlichten Halbjahreszahlen von Varta zeigten, tat diese Episode dem Tagesgeschäft offenbar keinen großen Abbruch. Es lief sogar so gut, dass der Konzern die Jahresziele deutlich anhob. Der Umsatz soll um bis zu 129 Prozent auf 810 bis 830 Millionen Euro steigen. Zuvor war das Unternehmen von bis zu 800 Millionen Euro ausgegangen. Finanzchef Steffen Munz sprach von einem "weiterhin hohen Auftragsbestand" trotz des aktuellen wirtschaftlichen Umfelds.

Das bereinigte operative Ergebnis (Ebitda) sieht der Vorstand jetzt bei 210 bis 215 Millionen Euro, was einem Plus von bis zu 121 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspräche.

"Es gibt weiter eine hohe Nachfrage", sagte Vorstandschef Herbert Schein. Der Umsatz stieg denn auch im ersten Halbjahr um das Zweieinhalbfache auf 391 Millionen Euro. Auch ohne die Übernahme der Geschäfte mit Varta-Konsumentenbatterien wäre der Erlös um zwei Drittel geklettert.

Das um Sondereffekte bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen verdreifachte sich nahezu auf gut 102 Millionen Euro. Unter dem Strich stand ein Nettogewinn von knapp 40 Millionen Euro und damit doppelt so viel wie vor einem Jahr.

"Mit dem Ausbau der Produktionskapazitäten für Lithium-Ionen-Zellen auf 300 Millionen Batterien bis Ende 2021 setzen wir unseren Wachstumskurs fort", sagte Schein, der dafür auch das Investitionsbudget für dieses Jahr auf 320 bis 360 Millionen Euro hochschraubt. Bisher war eine Kapazität von 200 Millionen Zellen pro Jahr angestrebt.

Insgesamt nimmt Varta für diesen Ausbau der Fertigung vorwiegend in Nördlingen rund 175 Millionen Euro in die Hand. Ein Neubau soll dort die bestehende Produktion erweitern und mit produktiveren Anlagen ausgestattet werden. Varta beziffert den eigenen Marktanteil bei den Zellen, die vorwiegend in höherwertigen und teureren kabellosen Kopfhörern verwendet werden, auf über 50 Prozent. Zudem wachse der Markt dafür jährlich um 30 bis 40 Prozent.

In der Sparte mit Kleinbatterien zog der Umsatz im ersten Halbjahr um rund 70 Prozent an. Dabei wirtschaftete Varta deutlich profitabler, die operative Marge stieg um fast 10 Prozentpunkte. Das größte Umsatzplus machten weiter die Lithium-Ionen-Zellen für die Kopfhörer aus. Die Nachfrage in diesem Bereich sei trotz des weltweiten Nachfrageschocks weiter hoch. Bei Hörgerätebatterien habe Varta seine Position ausgebaut, hieß es, auch dank dem im letzten Geschäftsjahr angelaufenen Neugeschäft mit einer großen US-Handelskette.

Anfang des Jahres hatte Varta das Geschäft für Haushaltsbatterien für Endverbraucher mit dem bekannten Markennamen "Varta" von der US-Holding Energizer erworben und vereint damit alle "Varta"-Produkte wieder unter dem eigenen Dach. Inklusive Schulden war der Deal 180 Millionen Euro schwer. Das Geschäft habe sich stärker entwickelt als erwartet, hieß es nun vom Konzern. Auch die Energiespeichersysteme wuchsen nach Angaben des Unternehmens schneller als der Markt.

Schein hatte zuletzt auch öffentliche Fördergelder eingeworben. 300 Millionen Euro bekommt Varta von Bund und Ländern für die Erforschung und Entwicklung sowie die erste industrielle Anwendung der nächsten Generation von Lithium-Ionen-Zellen. Die sollen dann auch in größeren Formaten genutzt werden können, zum Beispiel in Robotern, Energiespeichern, aber auch in der Mobilität.

DAS SAGEN DIE ANALYSTEN:

Laut Marktbeobachtern war mit der Prognoseanhebung gerechnet worden. Mit dem Margenziel liege Varta nun aber über der Markterwartung. Im zweiten Quartal habe das Unternehmen beim Umsatz etwas schwächer, beim Ergebnis etwas besser als gedacht abgeschnitten, hieß es weiter. Ein Händler gab zu bedenken, dass auch höhere Investitionen mit der erhöhten Prognose einhergehen.

Christian Sandherr, Analyst der Bank Hauck & Aufhäuser, sieht im Liefervertrag mit Samsung für Varta nun eine mittelfristig bessere Planbarkeit im Bereich des Mengenwachstums. Aufgrund der steigenden Nachfrage für Apples AirPods Pro sowie einem allgemein wachsenden Markt für sogenannte Wearables habe das Unternehmen seine Prognose für das Kapazitätswachstum im Jahr 2021 um 50 Prozent auf 300 Millionen Stück erhöht.

Sandherr verwies am Freitag zudem auf die kürzlich erhalten 300 Millionen Euro an Fördermitteln zum Aufbau einer Batteriezellenfertigung. Er erwarte daher, dass Varta weiterhin der erste Anlaufpunkt für wiederaufladbare Batterien in Premium-Produkten bleiben werde. Statt eines Verkaufs empfiehlt der Experte nun ein Halten der Aktie, das Kursziel stieg zudem von 55 Euro auf 125 Euro.

In ihren Empfehlungen blicken die Marktbeobachter insgesamt neutral auf die Papiere. Von den fünf im dpa-AFX-Analyser erfassten Stimmen empfiehlt eine Analystin den Kauf der Aktie, drei Experten ein Halten und ebenfalls ein Analyst den Verkauf. Das durchschnittliche Kursziel von vier Analysten liegt bei 105 Euro und damit deutlich unterhalb des aktuellen Kurses.

DAS MACHT DIE AKTIE:

Die erfolgsverwöhnten Anleger hatten in der ersten Jahreshälfte wenig zu lachen. Hatte sich der Kurs von Anfang 2019 bis Dezember noch auf über 127 Euro verfünffacht, brach er nach Bekanntwerden der Patentstreitigkeiten im Januar ruckartig ein. Der Corona-Schock beendete dann auch noch jäh einen ersten Erholungsversuch. Am Ende lag der Wert der Anteilsscheine Mitte März nur noch bei 50,50 Euro. Die Kursgewinne seit Mitte 2019 waren weg.

Doch dann kam die rasante Aufholjagd. Bis Mitte August schoss der Kurs - getrieben durch starke Geschäftszahlen, einen fortgesetzten Kapazitätsausbau und letztlich auch dank der Einigung mit Samsung - bis auf einen Rekord von 129,10 Euro nach oben. Dann aber machten einige Aktionäre nach der Prognoseerhöhung im Zuge der Halbjahreszahlen erst einmal Kasse. Die Papiere knickten am am Freitag um zehn Prozent auf 115,60 Euro ein.

Das MDax-Unternehmen kam zuletzt auf eine Marktkapitalisierung von knapp 4,7 Milliarden Euro. Damit liegt Varta im Mittelfeld des MDax.

Gemessen am Ausgabepreis des Papiers beim Börsengang im Oktober 2017 von 17,50 Euro kommen Anleger der ersten Stunde auf eine Rendite von bislang 560 Prozent. Derzeit größter Anteilseigner ist mit gut 58 Prozent die Schweizer Industriegruppe Montana Tech./ssc/men/mis


Quelle: dpa-AFX

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